Ludwig Wittgenstein
Einleitung 🤖 2

Klaus Niedermair

Sprachspiel, Sprachsystem, Sprachideal

Uber die Möglichkeit einer selbstreferentiellen Sinntheorie im Anschluß an Ludwig Wittgenstein

Die Philosophie Ludwig Wittgensteins eignet sich in besonderer Weise als Diskussionsforum aktueller philosophischer Fragen. Dabei sei nicht nur an den mittlerweile in sprach- und sozialwissenschaftlichen Belangen ausgiebig zitierten Wittgenstein der Philosophischen Untersuchungen gedacht, sondern auch an jenen des Tractatus logico-philosophicus (Traktat), wo – was zu zeigen ist – eine Theorie der Sprache als selbstreferentielles System grundgelegt wird, die z.T. Züge des sog. Radikalen Konstruktivismus aufweist und (mit Blick auf die Philosophischen Untersuchungen) das postmoderne Problembewußtsein der „Heterogenität der Sprachspiele“ ankündigt. Der Traktat zeigt, daß das „Projekt der Moderne“, Sprache und Wirklichkeit durch Rekurs auf ein universales Sprachsystem zu legitimieren, scheitert, von innen her scheitern muß. 1Als unterstellt universales ist dieses Sprachsystem gegen äußere Einwände immun, es hätte die Allmacht zu definieren, was sinn- und wertvoll ist. Es verwickelt sich jedoch in interne Widersprüche, wenn es dies tut, d.h. wenn es das eigene System als universales zu explizieren und legitimieren versucht. Die Alternative, die der Traktat hinterläßt, ist: entweder zu schweigen oder die Annahme des universalen Sprachsystems fallen zu lassen. 2Im folgenden wird die argumentative Entwicklung nachgezeichnet vom Traktat bis zu den Philosophischen Untersuchungen, wo diese Annahme aufgegeben und eine neuartige Legitimationspraxis entworfen wird.

Der rote Faden ist dabei die Frage nach Möglichkeit und Programm einer selbstreferentiellen Sinntheorie. Mit „Sinntheorie“ sei gemeint die Rekonstruktion von Möglichkeiten von Sinn, die für den Sinn von Satz und Handlung vorauszusetzen sind. Ziel von Sinntheorie ist die Systematisierung eines Sprachhandlungsspiels, also die Rekonstruktion des zugrunde liegenden Sprachhandlungssystems. Möglich ist diese Rekonstruktion, insofern zu jedem Sprachhandlungsspiel alternative Sprachhandlungsspiele denkbar sind: die Totalität dieser Alternativen sei das Sprachhandlungsideal. Ein System ist Resultat der reflexiven Überschreitung eines Spiels im Horizont des Ideals.

„Selbstreferentiell“ ist Sinntheorie insofern, als Meinen und Verstehen möglich ist aufgrund eines selbstreferentiellen Zusammenhanges zwischen Möglichkeiten von Sinn und sinnvoller Satz-Handlung. Dieser kreisläufige Zusammenhang wird im folgenden als Formalisierung und Entformalisierung präzisiert: eine Möglichkeit von Sinn ist die Formalisierung einer sinnvollen Satz-Handlung; eine sinnvolle Satz-Handlung ist die Entformalisierung einer Möglichkeit von Sinn. Die Selbstregulation von Formalisierung und Entformalisierung ist wesentlich für die Möglichkeit, daß die Satz-Handlung sinnvoll ist.

Der Traktat vertritt im Hinblick auf die Möglichkeit einer solchen Sinntheorie eine ambivalente Position. Obwohl Sinntheorie im angedeuteten Sinn praktiziert wird, wird (eben dadurch) die Unmöglichkeit einer explanativen Sinntheorie gezeigt: es gibt nur die explikative „Tätigkeit“ als eine sich auf Beispiele berufende „Erläuterung“ von sich „zeigenden“ Möglichkeiten von Sinn (vgl. T-4.112 u.ö.). Diese Position des Traktat weist eine Schwäche und eine Stärke auf Die Schwäche besteht darin, daß sie die fundamentalistische Annahme involviert, wonach die Möglichkeit der Sprache insgesamt auf das Sprachsystem des abbildenden-behauptenden Sprachspiels zu begrenzen sei. Unter dieser Annahme kann (wie der Traktat zeigt) die Möglichkeit der Sinntheorie selbst nicht in der Möglichkeit dieses durch sie thematisierten Sprachsystems enthalten sein, ohne daß es zu infiniten Regressen und Paradoxien käme. Die Stärke dieser Position besteht darin, daß sie in zweiter Instanz die Unhaltbarkeit der Annahme eines universalen Sprachsystems zeigt, da genau nur unter dieser Annahme Sinntheorie unmöglich ist.


1 Daß hier vom „Projekt der Moderne“ die Rede ist, rechtfertigt sich dadurch, daß die Postmoderne viel mehr (als meist angenommen) genuin philosophisch und insbesondere sprachphilosophisch argumentiert. Der Traktat, obwohl selbst noch der Moderne verhaftet, hat einen ersten Angriff gegen diese geführt und (vgl. Lyotard 1986, S. 121f.) im „Bewußtsein der Delegitimierung“ bereits hinreichende „Trauerarbeit“ geleistet.
2 Oder in diesem Schweigen, das sich aus dem „Widerstreit“ der Sprache mit sich selber (im Sinne von Kant und Lyotard) ergibt, den Verweis auf ein anderes mögliches Sprachspiel wahrnehmen. Vgl. Lyotard (1987, S. 33): „Der Widerstreit ist der instabile Zustand und der Moment der Sprache, in dem etwas, das in Sätze gebracht werden können muß, noch darauf wartet Dieser Zustand enthält das Schweigen als einen negativen Satz, aber er appelliert auch an prinzipiell mögliche Sätze.“
Die Selbstreferenz von (Möglichkeit von) Sinn 🤖 2

Die Selbstreferenz von (Möglichkeit von) Sinn

Die primäre Zielsetzung des Traktat besteht darin. eine Erklärung zu finden für die Möglichkeit, daß ein Satz Sinn hat. Dahinter steht die Voraussetzung des Traktat, wonach nur dem Satz etwas in der Wirklichkeit entsprechen kann bzw., sofern er wahr ist, auch entspricht. „Nur der Satz hat Sinn…“ (T-3.3) und stellt einen Sachverhalt dar (T-3.122, T-3.1232). Die Wahrheit eines Satzes ist kontingent, die Möglichkeit seiner Wahrheit (seines Inhaltes) - also sein Sinn - wird a priori durch seine Form verbürgt (T-3.13), Im Unterschied zum Satz haben Namen Bedeutung (T-3.203), Bedeutung kann nicht wahr oder falsch sein (T-3.221), sondern muß vorausgesetzt werden, damit cin Satz wahr oder falsch (also sinnvoll) sein kann: Namen bedeuten Möglichkeiten von Sinn.

Wie ist nun die Möglichkeit des sinnvollen Satzes, also Z.B. die Verstehbarkeit von Sinn zu erklären? Die Antwort des Traktat: der Sinn des Satzes wird verstanden, wenn die Bedeutungen der in ihm vorkommenden Bestandteile verstanden werden (T-4,024). Also müssen die Bedeutungen der Satzbestandteile als vorgegeben unterstellt werden.

Dem steht entgegen, daß die Bedeutung des Satzbestandteils selbst nur verstehbar ist als Anwendung in Sätzen, in denen er vorkommt (bzw. vorkommen kann):

„Nur der Satz hat Sinn; nur im Zusammenhang des Satzes hat ein Name Bedeutung.“ (T-3.3)

Ganz dezidiert ausgedrückt wird dies im Zusammenhang mit dem Lernen und Lehren („Erklären“) der Bedeutung durch Erläuterungen:

„Die Bedeutung von Urzeichen können durch Erläuterungen erklärt werden. Erläuterungen sind Sätze welche die Urzeichen enthalten. Sie können also nur verstanden werden, wenn die Bedeutungen dieser Zeichen bereits bekannt sind“ (T-3.263)

„Die Bedeutungen der Einfachen Zeichen (der Wörter) müssen uns erklärt werden, damit wir sie verstehen. Mit den Sätzen aber verständigen wir uns.“ (T-4.026)

Wie könnten wir uns aber verständigen mit Sätzen, wenn wir die Bedeutungen ihrer Bestandteile erst durch Erläuterungen kennenlernen, mit denen wir uns auch wieder nur verständigen könnten, wenn wir deren Bestandteile verstehen? Das Programm der Sinntheorie, die Möglichkeit bzw. die Verstehbarkeit eines sinnvollen Satzes zu erklären, gerät in folgendes Dilemma: die Verstehbarkeit (des Sinnes) eines Satzes und die Verstehbarkeit (der. Bedeutung) seiner Bestandteile weisen eine Verschränktheit auf, die es unmöglich macht, das eine als Voraussetzung der Verstehbarkeit des anderen anzunehmen. Da beide Momente einerseits als zu-begründende bzw. andererseits als begründende Instanzen auftreten, also offenbar in einer selbstreferentiellen Figur angeordnet sind, ist kein absoluter Begründungsanfang in Sicht. Wie ist also die Selbstbezüglichkeit zwischen Verstehbarkeit von Sinn und Verstehbarkeit der Bedeutung zu hintergehen?

Sie ist weder zu hintergehen noch nicht zu hintergehen, sondern – die Metapher sei weitergeführt – einfach mitzugehen. Im Sprachgebrauch geht der sprachkompetente Sprecher den selbstreferentiellen Weg von „Sinn“ zu „Bedeutung“ und von „Bedeutung“ zu „Sinn“. Diesen Weg nenne ich je nach Richtung Formalisierung oder Entformalisierung. Den jeweiligen Formalisierungsstufen entsprechen „Ausdrücke„ bzw. „formale Begriffe“, sie drücken eine Möglichkeit von Sinn aus: ein Ausdruck ist das „gemeinsame charakteristische Merkmal einer Klasse von Sätzen“ (T-3.311), dargestellt durch eine Satzvariable, „derer Werte die Sätze sind, die den Ausdruck enthalten.“ (T-3.313) Der (entformalisierte) Satz hingegen ist die Zusammensetzung, die „Funktion der in ihm enthaltenen Ausdrücke.“ (T-3,318) Im Traktat wird die Formalisierung in ihren genuin logisch-sprachanalytischen Kontext so dargestellt:

„Verwandeln wir einen Bestandteil eines Satzes in eine Variable, so gibt es eine Klasse von Sätzen, welche sämtlich Werte des so entstandenen variablen Satzes sind. Diese Klasse hängt im allgemeinen noch davon ab, was wir, nach willkürlicher Übereinkunft, mit Teilen jenes Satzes meinen. Verwandeln wir aber alle jene Zeichen, deren Bedeutung willkürlich bestimmt wurde, in Variable, so gibt es nun noch immer eine solche Klasse. Diese ist aber nun von keiner Übereinkunft mehr abhängig. sondern nur noch von der Natur des Satzes. Sie entspricht einer logischen Form einem logischen Urbild.“ (T-3.316)

Ein Beispiel: der Satz (1) „Das Haus ist rot“ ist, da er hier nicht als Sprachhandlung angewandt ist, bereits Resultat eines pragmatischen Formalisierungsschrittes, also eine Satzvariable, deren Werte alle ihre situativ-sinnvollen Entformalisierungen sind. In einem nächsten semantischen bzw. syntaktischen Entformalisierungsschritt ergeben sich die Satzvariablen (2) „Das Haus ist farbbestimmbar“ bzw. (3) „x ist rot“: (2) bedeutet die Möglichkeit des farbbestimmbaren Gegenstandes Haus; (3) ist ein Prädikator. der die Möglichkeit der Bestimmung rot von farbbestimmbaren Gegenständen bedeutet. Als Resultat eines weiteren wiederum semantischen bzw. syntaktischen Formalisierungsschrittes ergeben sich die Satzvariablen (4) „Das Haus ist bestimmbare“ bzw. (5) „x ist farbbestimmbar“: während nun (4) der Nominator Hause ist, der die Möglichkeit des irgendwie-bestimmbaren Gegenstandes Haus bedeutet, ist (5) eine logische Form, welche die Möglichkeit der Farbbestimmbarkeit von Gegenstanden enthält. Im letzten Formalisierungsschritt erhalt man die Satzvariable (6) „x ist bestimmbar“, der formale Begriff des Nominators bzw. Prädikators überhaupt, der die Möglichkeit der irgendwie-Bestimmbarkeit von Gegenständen bedeutet.

Dies erlaubt nun eine Erklärung der dem Traktat zugrunde liegenden Theorie der Zusammensetzung des Satzes. Prinzipiell lassen sich zwei Ebenen von Satzzusammensetzungen unterscheiden, jene des entformalisierten (aktualisierten) Satzes, der einen Sinn ausdrückt, und jene des formalisierten Satzes (Satzvariable), der eine Bedeutung (eine Möglichkeit von Sinn) ausdrückt Ein Satzbestandteil ist demnach eine Satzvariable, die eine mögliche Satzzusammensetzung (eine Möglichkeit von Sinn) ausdrückt; und der Satz ist nicht eine materielle Verbindung von Ausdrücken, die per se faktische Entitäten bedeuten, sondern die Zusammensetzung von möglichen Satzzusammenhängen (Satzvariablen) und zwar als deren Entformalisierung vice versa im Zuge der Satz-Handlung.

Weiters widerspricht dieses Konzept jenen Interpreten, die dem Traktat die Ausklammerung der „Reflexion“ vorwerfen: Formalisierung des Sinnes von Sätzen und Handlungen in Richtung auf die ihnen zugrunde liegenden Möglichkeiten von Sinn ist in der Tat ein Äquivalent zu „Reflexion“, und zwar Sowohl der impliziten und für die Sprachkompetenz vorauszusetzenden, als auch der explikativen (z.B. transzendentalphilosophischen) Reflexion, die durch Formalisierung und Systematisierung eines Sprachhandlungsspieles seine Möglichkeiten von Sinn als seine Bedingungen der Möglichkeit ausweist und als Sprachhandlungssystem expliziert. (Ent)Formalisierung ist also die fundamentale conditio sine qua non der sinnvollen Satz-Handlung, der Sprachhandlungskompetenz und sekundär auch die conditio sine qua non der Philosophie (Sinntheorie) als systematische Explikation der Sprachhandlungskompetenz.

Das (Ent)Formalisierungskonzept macht auch eine (radikal-)konstruktivistische Interpretation des Traktat plausibel: Wirklichkeit läßt sich definieren als in einem System beschreibbare Wirklichkeit; wesentlich für beschreibbare Wirklichkeit, also für Wirklichkeit als „Bereich von Beschreibung“ (Maturana 1982,S 76), ist der „Isomorphismus der Logik der Beschreibung und der Logik des beschreibenden Systems“ (ebd.) – in der Terminologie des Traktat: „Was das Bild mit der Wirklichkeit gemein haben muß, um sie auf seine Art und Weise richtig oder falsch – abbilden zu können, ist seine Form der Abbildung.“ (T-2.17; vgl.T-4.12 u.ö.) Gegen die Auffassung, wonach der Traktat von einer vorgegebenen Wirklichkeit an sich ausgehe (also eine dem Radikalen Konstruktivismus diametral entgegengesetzte Position vertrete), sprechen eine Reihe von Sätzen, in denen der „Anwendung“ (synonym zu „Konstruktion“) die primäre sinnstiftende Rolle zugeschrieben wird (vgl.T-3.263, T-3.5, T-3.326ff, T-5.557).3


3 Bzgl. einer pragmatischen (konstruktivistischen) Interpretation des Traktat vgl. Klaus Niedermair: Wittensteins Tractatus und die Selbstbezüglichkeit der Sprache, Frankfurt a. M. u.a (Lang) 1987.
Der Status einer selbstreferentiellen Sinntheorie 🤖 2

Der Status einer selbstreferentiellen Sinntheorie

Nachdem das Konzept einer selbstreferentiellen Formalisierung-Entformalisierung als plausible Erklärung der Möglichkeit des sinnvollen Satzes skizziert wurde, ist nun zu fragen, warum Wittgenstein Sinntheorie als eine unstatthafte „Verwechslung der formalen Begriffe mit den eigentlichen Begriffen“ (T-4.126)4 und damit für unmöglich erklärt.

Die Schwierigkeit der Explikation eines Sprachhandlungsspieles liegt darin, daß sowohl die Explikation selbst als auch das explizierte Sprachhandlungsspiel im Hinblick auf ihre Selbstreferentialität problematisch werden: einerseits müßten die explizierenden Sätze selbstreferentiell in bezug auf ihr System sein, andererseits ist das zu explizierende Sprachspiel als fremdes selbstreferentielles System zu verstehen und darzustellen.5

Es gibt grundsätzlich zwei Wege, ein selbstreferentielles System zu beschreiben. (1) Man tut dies aus der Sicht eines anderen selbstreferentiellen Systems, wodurch wohl das beschreibende System selbstreferentiell ist, das beschriebene selbstreferentielle System jedoch zu einem fremdreferentiellen degeneriert, mit der Konsequenz, daß problematische (eben fremde) Wertungen (Möglichkeiten von Sinn) ins Spiel kommen, also ein wesentlicher Zug desselben (die Autarkie des Spiels) verloren geht. Oder (2) das selbstreferentielle System wird mittels seiner_ eigenen Möglichkeiten von Sinn beschrieben, wodurch wohl das beschreibende und auch das beschriebene System selbstreferentiell wären, aber die Beschreibung u.U. widersprüchlich wird.

Da der Traktat die starke Voraussetzung eines allgemeingültigen Sprachsystems macht, kommt für ihn Option (1), WO Ja mindestens zwei Sprachsysteme mitspielen, nicht in Frage Und im Hinblick auf Option (2) weist Wittgenstein auf die Tatsache hin, daß ein sich selbst beschreibendes Sprachsystem widersprüchlich wäre umso mehr, je mehr es als universales auftreten will. Also entscheidet sich Wittgenstein für eine Auswegsoption (3): die Beschreibung eines selbstreferentiellen Systems ist unsinnig und überflüssig. Dadurch bleibt zwar der selbstreferentielle Charakter des Sprachsystems gesichert, allerdings wird ein stark universalistischer Anspruch in bezug auf die Allgemeingültigkeit des betreffenden selbstreferentiellen Systems erhoben, um die Überflüssigkeit der Beschreibung behaupten R können.

Näherhin bedeutet dies, daß der autark-selbstreferentielle Zusammenhang zwischen Möglichkeit von Sinn und Sinn als stabil und unaussprechbar deklariert wird - also weder explikativ erklärt werden muß noch kann. Was Sinntheorie bezweckt, kann durch „Erläutern“ mithilfe von Anwendungsbeispielen ersetzt werden (T-3.263, T-4.112), da Möglichkeiten von Sinn sich im Sprachgebrauch „zeigen“ (T-4.126 bis T-4.1274). Um (nicht nur die Unsinnigkeit, sondern) auch die Überflüssigkeit einer Sinntheorie behaupten zu können, wird vorausgesetzt, daß es ein Sprachsystem gibt, welches allen Sprachspielen gemeinsam ist und zu dem prinzipiell jeder Zugang hat, da es sich im Sprachgebrauch zeigt bzw. zeigen läßt.

Mögliche und offensichtlich absurde Konsequenzen aus den Optionen (1) und (2), in denen (unter der Annahme eines universalen Sprachsystems) formale Begriffe mit eigentlichen verwechselt werden, verwendet Wittgenstein als indirekte Beweisführungen, um Option (3) als die einzig gangbare zu erweisen. Die Ablehnung von (1) und (2) bedient sich je einer Facette der Selbstreferentialität: der gutartigen und der bösartigen. Option (1) wird aufgegeben, weil sie die gutartige Selbstreferentialität auflöst, da das System als fremdreferentielles dargestellt wird.

Diese gutartige Variante der Selbstreferentialität läßt sich rekonstruieren als „Autarkie“ (der Möglichkeit) von Sinn. Damit ist gemeint, daß die Abhängigkeit eines Sinnes (eines entformalisierten Satzes) von einer Möglichkeit von Sinn (eines formalisierten Satzes) in sich geschlossen sein muß, also zumindest für die Situation der kommunikativen Satz-Handlung durch keine externen Bedingungen relativiert werden darf; d.h. das Meinen und Verstehen ist begrenzt durch den Horizont von jeweils verfügbaren Möglichkeiten von eines Satzes Sinn: insofern selbstreferentiell-autark.

Option (1) würde aber dazu führen, daß ein Sprachsystem durch ein anderes beschrieben wird, also in seiner Autarkie gestört wird: grundsätzlich könnte auch das beschreibende System aus der Perspektive eines anderen beschrieben werden usw. Dadurch wird der Sinn eines Satzes, der mit der Autarkie des Sprachsystems gesichert wãre, offen und unsicher: der sich ergebende infinite Regreß von Sprachsystem zu Sprachsystem hätte zur Konsequenz, daß kein Satz in keiner Kommunikationssituation sinnvoll wäre, da permanent die ihn tragenden Möglichkeiten von Sinn hinterfragt werden könnten.6 Ein Ende wäre andererseits nur in Sicht, wenn ein Sprachsystem ausgezeichnet und nicht einer weiteren Thematisierung zugeführt würde – die berüchtigte petitio principii.

Option (2) hingegen muß aufgegeben werden, weil sie die bösartige Selbstreferentialität praktiziert. Diese laßt sich rekonstruieren als zu Widersprüchen führende Selbstbezüglichkeit einer fundamentalistischen – die Sprache als ein Sprachsystem explizierenden – Sinntheorie. Dieselbe Selbstbezüglichkeit, welche Sinn und damit Reflexion auf (Möglichkeiten von) Sinn ermöglicht, bringt jedes sinntheoretische Unternehmen zum Scheitern, welches darauf abzielt, Möglichkeiten von Sinn als Bedingungen der Möglichkeit allen Sinnes u.d.h. als ein einzig mögliches Sprachsystem zu formulieren. Die gutartige Selbstbezüglichkeit pervertiert in eine bösartige, weil die Explikation dieses Sprachsystems gleichzeitig einerseits den in diesem Sprachsystem möglichen Sinn reflektieren (formalisieren) würde, andererseits auch in diesem Sprachsystem enthalten wäre, dessen Möglichkeiten von Sinn aktualisieren (entformalisieren) müßte.7

Die Folgen dieser bösartigen Selbstbezüglichkeit können zweierlei sein: das Ziel der Sinntheorie wird unerreichbar, indem einerseits die Sinntheorie ausartet zu einem sich selbst perpetuierenden Explikationsregreß, in dem grundsätzlich nichts Neues zutage kommt: eine Möglichkeit von Sinn (ein formaler Begriff), die als Bedingung eines Satzes „p“ festgestellt wird, kann auch für den Satz, der dies feststellt, festgestellt werden usw. - der Effekt ist, daß die für die kommunikative Verwendung vorauszusetzende Gewißheit des Sinnes von „p“ fundamentlos wird: ein rastloses Suchen nach Fundamenten in sich selbst. Genauso unerreichbar wird das Ziel der Sinntheorie andererseits wenn Sie ausartet zu einem sich selbst perpetuierenden Negationsregreß: eine Möglichkeit von Sinn, die als Bedingung eines Satzes „p“ festgestellt wird, darf nicht für den sinntheoretischen (Meta)Satz gelten, der die betreffende Feststellung über den Satz „p“ trifft, muß aber trotzdem angewandt werden (weil es systemimmanent keine andere Möglichkeit von Sinn gibt): also ist die fragliche Möglichkeit von Sinn genau dann eine Bedingung der Möglichkeit dieses Metasatzes, wenn sie es nicht ist. Am klassischen Beispiel der Russell-Paradoxie illustriert: „Klasse“ als formale Eigenschaft aller als Klassen fungierenden Ausdrücke, wird in einem sinntheoretischen (Meta)Satz so definiert: „‘Klasse‘“ ist die Klasse aller Klassen, die sich nicht selbst enthalten“; „Klasse“ wäre somit genau dann eine Bedingung der Möglichkeit dieses Satzes (denn er wendet diese Möglichkeit von Sinn an), wenn sie es nicht wäre (denn die Anwendung dieser Möglichkeit widerspricht ihrer Definition).8

Nach dieser reductio ad absurdum muß Sinntheorie, wenn sie postuliert, daß ein Sprachsystem als universales Fundament von Sprache auftreten soll, als unsinnig und überflüssig erklärt werden. Die These der Überflüssigkeit von Sinntheorie (die Notwendigkeit des Schweigens) ist jedoch nicht einfach zu widerlegen durch den Hinweis auf die Unmöglichkeit eines einzigen Universalsprachsystems: es gibt auch einen positiven Aspekt der Überflüssigkeit von Sinntheorie. Denn in der Praxis sprachlicher Kommunikation muß ja auch die Gültigkeit eines Sprachsystems zumindest für die jeweilige Kommunikationssituation unterstellt werden, damit das Sprachspiel funktioniert. Für die Dauer des Funktionierens muß denn auch eine sinntheoretische Explikation desselben überflüssig sein.9

Wittgenstein steht einerseits in der Tradition der Transzendentalphilosophie da er die (transzendentale) Abhängigkeit des Satzes von Bedingungen der Möglichkeit seines Sinnes zum Ausgangspunkt nimmt, er insofern unerschütterlich ist, als ohne die Annahme dieser Abhängigkeit die Sinnhaftigkeit eines Satzes nicht erklärt werden könnte. Zum anderen scheint er das Programm der Transzendentalphilosophie auszuhöhlen durch den Nachweis, daß aus der Universalisierung eines Sprachsystems zum Supersprachsystem die Unmöglichkeit von Sätzen über die Bedingungen der Möglichkeit folgt.

Wenn einige Traktat-Interpreten eine transzendentalphilosophische Auslegung des Traktat ablehnen, so wird meistens die Unaussprechlichkeit der Sinntheorie ins Treffen geführt: „Die Logik ist transzendental“ (T-6.13), weil sie unaussprechbar ist (T-6.421) – im Gegensatz dazu beanspruche Transzendentalphilosophie sehr wohl aussprechbar zu sein durch sog. synthetische Sätze a priori. Dieser Einwand läßt sich aber insofern umdrehen, als gerade Wittgenstein auf einen Widerspruch innerhalb der Transzendentalphilosophie anspielt: wird nämlich behauptet, daß eine transzendentale Abhängigkeit besteht zwischen einem Satz (oder epistemologisch gewendet: einer Erkenntnis) und Bedingungen der Möglichkeit, so ist dabei unterstellt, daß der Satz sinnvoll ist; ist er sinnvoll, ist die Explikation seiner Bedingungen der Möglichkeit relativ überflüssig – auch Sinntheorie wäre so gesehen relativ überflüssig. Wird weiters unterstellt, daß er sinnvoll ist, weil die Bedingungen seiner Möglichkeit allgemeingültig sind (d.h. für alle Sätze gelten), so ist eine transzendentalphilosophische Explikation dieser Bedingungen der Möglichkeit absolut überflüssig und unsinnig, da sie selbst aus dem als allgemeingültig unterstellten Sprachsystem herausfällt. Der Anspruch der Transzendentalphilosophie, die Bedingungen der Möglichkeit aller Satze zu formulieren, muß dem Traktat Zufolge therapiert werden durch den Rekurs auf die Sprachpraxis, die vorderhand ohne Transzendentalphilosophie auskommt.


4 Formale Begriffe drücken formale Eigenschaften aus, das sind die durch Formalisierung eines Satzes verfügbaren Möglichkeiten von Sinn, mögliche Beschreibungen von Wirklichkeit eigentliche Begriffe drücken – im Satz zur Anwendung gebracht – (empirische) Eigenschaften eines Gegenstandes aus.
5 Diese Figur – Beziehung zueinander durch Beziehung auf sich selbst – von selbstreferentiellen Systemen liegt der Kommunikation überhaupt zugrunde, Maturana erläutert dies so: ein kommunizierender Organismus orientiert einen zweiten Organismus auf eine Beschreibung hin, die dieser als Interaktion innerhalb seines eigenen kognitiven Bereichs versteht. Die Beschreibung verweist demnach weder auf eine selbständige (objektive) Entität, noch konnotiert sie etwas im orientierenden Organismus, sondern sie "existiert" nur im kognitiven Bereich des orientierten Organismus (vgl. Maturana 1982; vgl. Schmidt 1987). Verstanden kann nur werden, was in der Reichweite der eigenen Möglichkeiten von Sinn liegt.
6 Der Satz „Dieses Haus ist rot“ wird aufs Glatteis des infiniten Regresses geführt, indem man bezweifelt, daß die Ausdrücke „dieses Haus“ und „rot“ Bedeutung haben, da sie z.B. von zufälligen Bedingungen des Sprachspiels - wie Situation, Verfassung der kommunizierenden Personen (z.B. Wahrnehmungsstörungen) usw. - abhängen könnten; auch diese Diagnosen könnte aus der Sicht eines weiteren Sprachsystems relativiert werden usw.
7 Unter diesen Umständen würde Sinntheorie als Entformalisierung ihrer selbst auftreten: formale Begriffe würden durch ihre Thematisierung als eigentliche verwendet und zu Werten ihrer selbst. Diesen Tatbestand meint Wittgenstein mit seinem Diktum von der , Verwechslung der formalen Begriffe mit den eigentlichen Begriffen, welche die ganze alte Logik durchziehts (T-4.126).
8 Selbstperpetuierung und Selbstnegation eines selbstreferentiellen Systems ist allgemein Anzeichen einer Störung. So z.B. das bekannte „mehr desselben“ und die „kommunikativen Paradoxien“ nach Watzlawick. Typisch ist auch Lyotards Angriff gegen die Moderne: „Die Moderne schreibt sich selbst, schreibt sich in einem immerwährenden Redigieren über sich selbst ein.“ (Lyotard 1989, S. 50) – Postmoderne dürfte demgemäß wohl darin bestehen, mit systemischen Grenzen flexibler umzugehen.
9 Wittgenstein verwechselt aber die Gültigkeit irgendeines Sprachsystems für irgendein Sprachspicl mit der Gültigkeit eines universalen Sprachsystems für alle Sprachspiele.
Sprachhandlungsspiel, Sprachhandlungssystem und Sprachhandlungsideal 🤖 1

Sprachhandlungsspiel, Sprachhandlungssystem und Sprachhandlungsideal

Folgt aus der Preisgabe der fundamentalistischen Zielvorgabe von Sinntheorie zwar die Möglichkeit einer explikativen Sinntheorie, doch auch gleichzeitig die Notwendigkeit, mehrere Sprachhandlungssysteme akzeptieren zu müssen. Dies entspricht dem Schritt Wittgensteins vom Traktat zu den Philosophischen Untersuchungen, im Sinne einer radikalen Zurücknahme von Fundamenten, die in der Erklärung der Möglichkeit des sinnvollen Satzes in Anspruch genommen werden.10 In gewisser Hinsicht kommt man so vom Regen in die Traufe: gesteht man als Möglichkeit von Sprache nur ein einziges Sprachsystem zu, so fällt Sprechen darüber (wie es der Traktat zeigt) aus dessen Möglichkeiten heraus, wäre also unsinnig; gesteht man mehrere zu, so scheint Sinntheorie witzlos zu werden (wie es die Philosophischen Untersuchungen hie und da nahelegen), weil den vielen Sprachspielen – wie es Wittgenstein kategorisch und doch als Philosoph sichtlich frustriert ausdrückt – „garnicht Eines gemeinsam ist“. (PU $ 65)

Wie kann dann aber das Funktionieren eines Sprachspiels erklärt werden? Wie kann der (selbstreferentielle) Zusammenhang zwischen Bedeutung (Möglichkeit von Sinn) und Sinn erklärt werden? In den Philosophischen Untersuchungen wird diese Frage aufgerollt als Problem des korrekten Regelfolgens: wie ist der Zusammenhang zwischen Regel und deren Anwendung erklärbar? In mehreren Beispielen und Gegenbeispielen zeigt Wittgenstein, daß Regeln nicht durch verbindliche Handlungsanweisungen inhaltlich fixierbar sind, denn jede Handlung läßt sich irgendwie mit ein und derselben Regel in Übereinstimmung bringen, auch eine „offensichtlich“ inkorrekte. Die einschneidende Erkenntnis Wittgensteins zielt darauf ab, daß die Anwendung einer Regel nicht deren Interpretation ist (diese kann beliebig sein), sondern Handeln im Rahmen einer bestimmten Praxis einer Lebensform, und dieses Handeln geschieht (im Unterschied zur Interpretation), ohne daß zwischen Alternativen gewählt wird: „Wenn ich der Regel folge, wähle ich nicht. Ich folge der Regel blind.“ (PU S 219) Während also im Traktat das Universalsprachsystem den selbstreferentiellen Zusammenhang zwischen Möglichkeit von Sinn (Regel) und Sinn (Regelanwendung) verbürgte, leistet dies in den Philosophischen Untersuchungen die jeweilige Lebensform.

Nochmals: die Tatsache, daß die Deutung einer Regel jede Handlung mit ihr in Übereinstimmung bringen kann, zeigt, „aß es Eine Auffassung Einer Regel gibt, die nicht eine Deutung ist“ (PU $ 201)

„Darum ist 'der Regel folgen' eine Praxis. Und der Regel zu folgen glauben ist nicht: der Regel folgen. Und darum kann man nicht der Regel 'privatim' folgen, weil sonst der Regel zu folgen glauben dasselbe wäre, wie der Regel folgen.“(PU $ 202)

„Es kann nicht ein einziges Mal nur ein Mensch einer Regel gefolgt sein.“ (PU $ 199)

Damit ist das Erfordernis einer gegenseitigen Überprüfbarkeit des Regelbefolgens in den Raum gestellt: Regeln, Sprachhandlungsspiele müßten zu verstehen, zu legitimieren, zu kritisieren sein. Das wiederum wirft die Frage nach der ethischen Dimension auf: wenn aber von der „Heterogenität der Sprachspiele“ (Lyotard 1986) auszugehen ist, wie ist es dann um Ethik, die ja Allgemeingültigkeit beansprucht, bestellt? Dies ist der Kulminationspunkt der aktuellen Postmoderne-Debatte: die Heterogenität der Sprachspiele macht Intersubjektivität Legitimation, Kritik dringend notwendig – und gleichzeitig unmöglich: denn ein Sprachspiel, das sich darum bemüht, „tut der Heterogenität der Sprachspiele Gewalt an“ (Lyotard 1986, S. 16).

Obwohl den Sprachhandlungsspielen also in fundamentalistischer Betrachtungsweise nichts gemeinsam ist (obwohl also nicht eine Möglichkeit von Sinn in jedem vorkommt), so kann doch für alle gemeinsam festgestellt werden, (1) daß jedes klaglos funktionieren kann als selbstreferentielles Spiel ohne Normierung von Gesetz und Ordnung.11 (2) Jedes Sprachhandlungsspiel verweist darüber hinaus auf eine Alternative, auf Offenheit, in dem Augenblick, wo sein Funktionieren zum Problem wird und wo gleichzeitig das Sprachhandlungsspiel als Restriktion u.d.h. als System greifbar wird: das Sprachhandlungsspiel fungiert nicht mehr wie in (1) als geschlossenes selbstreferentielles System, der Horizont, in dem jetzt Selbstregulation stattfindet, dehnt sich aus auf Alternativen, auf andere Sprachhandlungsspiele; da aber diese nicht gleichartig sind, sondern „Familienähnlichkeiten“ (PU $ 67) aufweisen, erlauben sie kein universelles Sprachspiel des Konsenses – vielmehr eine dynamische Lebensform zwischen verschiedenen Sprachspielen. Ein Sprachhandlungsspiel gilt alternativenlos (a priori) für eine Kommunikationssituation, jedoch sinntheoretische Explikation ist prinzipiell offen im Hinblick auf alternative Sprachhandlungsspiele. (3) Die Idee dieser Offenheit ist das Sprachhandlungsideal, Ein Sprachhandlungsspiel kann immer nur durch ein anderes Sprachhandlungsspiel auf ein System gebracht, als solches bewertet usw. werden vor dem Hintergrund des Sprachhandlungsideals. Aber das Ideal als Spiel (das ideale Sprachhandlungsspiel) gibt es nicht.12

Welche Perspektiven ergeben sich daraus für eine Sinntheorie? () Sinntheorie kann nicht ein Sprachhandlungsspiel auszeichnen und monopolisieren: z.B. einen Wissenschaftstyp – der Irrtum der Kantischen Transzendentalphilosophie; oder ein Sprachspiel – der Irrtum des Traktat; oder ein Weltbild – der Irrtum jeder ethnozentristischen Ethnologie. Gefordert ist die Öffnung der Sinntheorie im Hinblick auf die Vielfalt überhaupt möglicher Sprachhandlungssysteme: von Systemen der Wissenschaften bis „hinunter“ zu Systemen des Alltagslebens, hier von sozialer zu psycho(patho)logischer Dimension; bis „hinüber“ zu Systemen fremder Kulturen,

(2) Ein fremdes Sinnsystem verstehen heißt: selbstreferentiell im Rahmen des eigenen Systems nach Möglichkeiten on Sinn suchen, die es erlauben, die Selbstreferenz des anderen Systems (so weit als möglich) nachzuvollziehen und zu respektieren. Ein Sprachhandlungsspiel zu spielen oder mitzuspielen (zu verstehen), beruht auf der impliziten Kenntnis der Regeln des jeweiligen Systems. Funktioniert das Verstehen, so ist das Spiel unhintergehbar, geschlossen, selbstreferentiell gesichert, autark. Was in diesem Spiel als Wirklichkeit fungiert, hat die Integrität einer Wirklichkeit an sich.

Erst wenn Zweifel auftreten bzgl. dessen, was verstanden werden soll (was jemand meint), schwingt sich die Kommunikation auf eine andere Ebene. Sinntheorie geht immer von der Differenz zweier Sinnsysteme aus, die sich ergibt, wenn eine Sprachhandlung nicht verstanden wird.13 Das bedeutet, daß sich sinntheoretische Erkenntnisse um das Verstehen auf den Tatbestand des Nicht-Verstehen gründen. Sinntheorie gelangt via negationis – über Alternativen, Abgrenzungen, Gegenbeispiele – zum Verstehen des Sinnsystems: ich verstehe so lange nicht, bis ich die Möglichkeiten von Sinn dieses Systems nicht kenne; ich „experimentiere“ so lange mit Möglichkeiten von Sinn, bis ich die Selbstreferenz zwischen Sprachhandlung und Möglichkeit von Sinn nachvollziehen kann.14

Wird ein Sinnsystem hingegen im Horizont fremder Möglichkeiten von Sinn beschrieben, so wird es als fremdreferentielles gehandhabt: es wird entfremdet zum Objekt wissenschaftlicher Erklärungen, Sprachhandlungen dieses Systems werden abgewertet zu Verhaltensweisen, die kausal zu erklären sind.15 Aber: „Alle Erklärung [im Sinne, einer wissenschaftlichen Erklärung -K.N,] muß fort und nur Beschreibung an ihre Stelle treten.“ (PU $ 109) Die Beschreibung zielt auf die Systematisierung des Sprachhandlungspiels im Sinne einer „übersichtlichen Darstellung“ (PU $ 122) dessen, was ohnehin „offen daliegt“ (PU $ 126), wenn das Spiel verstanden wird - was also nicht erklärt werden braucht (ebd.). Sprachspiele, deren Möglichkeiten von Sinn vertraut und systematisch verfügbar sind, - deren „Grammatik“, „Gebrauch der Wörter“ wir „übersehen“, da wir sie u.U .selbst „erfinden“ (PU $ 122), – fungieren dabei als „Vergleichsobjekte“ (PU $ 130) – aber ohne jeden normativen Anspruch.

„Nur so können wir der Ungerechtigkeit, oder Leere unserer Behauptungen entgehen, indem wir das Vorbild als das, was es ist, als Vergleichsobjekt – sozusagen als Maßstab hinstellen; und nicht als Vorurteil, dem die Wirklichkeit entsprechen müsse. (Der Dogmatismus, in den wir beim Philosophieren so leicht verfallen.)“ (PU $ 131)

Jedes System muß als rational gesehen werden. Rationalität, wertneutral (d.h systemneutral) gesehen, ist vorderhand nichts anderes als der Zusammenhang zwischen einer Möglichkeit von Sinn und einer Sprachhandlung, zwischen System und Spiel. Insofern ist Rationalität als systemimmanente Kategorie zu respektieren. Rationalitätskriterien des einen Systems können nicht an ein anderes angelegt werden. Dasselbe gilt für Kriterien der Objektivität: was in einem System wirklich ist, muß in einem anderen nicht auch wirklich sein – und umgekehrt. Wirklichkeit und Objektivität zeigen sich in den Sprachhandlungen eines Systems: sie sind der Inbegriff der Möglichkeiten von Sinn, die in einem System verfügbar sind. Die Existenz eines Gegenstandes ist die Möglichkeit, innerhalb eines Sprachspiels über ihn sinnvoll sprechen zu können; der Gegenstand ist eine Möglichkeit von Sinn. „Was es, scheinbar, geben muß, gehört zur Sprache“ (PU $ 50) eines jeweiligen Sprachspiels.

(3) Die Pluralität von Systemen inklusive ihrer Konsequenzen (Gleichwertigkeit aller Systeme; Relativierung von Rationalitäts- Objektivitätskriterien) läßt jeder wertenden Disziplin, vornehmlich der Ethik, einer traditionell hochentwickelten philosophischen Disziplin, wenig Entwicklungschancen.16 Sofern sie traditionelle Ziele verfolgt: vermutlich wird in Sachen Ethik ein turn im Gang gebracht, der jenem pragmatic turn der Philosophischen Untersuchungen ähnlich ist, der die Erklärung von Sprache von der Annahme bedeutungsstiftender (u. U. universaler) mentalistischer Akte losgelöst und auf Sprachpraxis begründet hat.

Im Spannungsfeld zwischen Heterogenität der Sprachspiele und dementsprechender Dringlichkeit, zwischen diesen zu vermitteln, ist jedenfalls klar: würde Sinntheorie jene Prinzipien vermeiden, die bei Auszeichnung eines (z.B. des eigenen) Sprachhandlungssystems stillschweigend im Sprachspiel sind, so hat Ethik, als idealisierende Horizonțierung eines Sprachhandlungsideales, den angemessenen Raum von Freiheit.17 Vielleicht könnte eine ethische Intervention mehr von Kommunikationspraxis ausgehen und Konflikte als Konflikte zwischen verschiedenen Handlungsspielen begreifen ⁃ nicht zwischen einer (idealtypisierten) Front von Gut und Böse. Vielleicht kann so eine normative Theorie ⁃ mit Blick auf die prinzipielle Relativierbarkeit von Spielen im Horizont des Sprachhandlungsideals -neue Handlungsspiele anbieten, oder allgemein: innovative Strategien ins Spiel bringen, mit denen aus Spielen ausgestiegen werden kann, mit denen ⁃ im Konfliktfall bedrohliche, heterogen aufeinanderprallende ⁃ Systemfixierungen und -grenzen überwunden werden können

Literatur

Ludwig Wittgenstein: Tractatus logico-philosophicus, in: Werkausgabe Bd. 1, Frankfurt a.M. (Suhrkamp) 1984. [=T]

Ludwig Wittgenstein: Philosophische Untersuchungen, in: Werkausgabe Bd. 1, Frankfurt a.M. (Suhrkamp) 1984. [=PU]

Ludwig Wittgenstein: „Bemerkungen Uber Frazers ‚The Golden Bough‘“, in: Rolf Wiggershaus (Hg.): Sprachanalyse und Soziologie, Frankfurt a.M. (Suhrkamp) 1975

Siegfried J. Schmidt (Hg.): Der Diskurs des Radikalen Konstruktivismus, Frankfurt a.M. (Suhrkamp) 1987.

Humberto R Maturana: Erkennen: Die Organisation und Verkörperung von Wirklichkeit, Braunschweig u.a. (Vieweg) 1982.

Humberto R Maturana & Francisco, J. Varela: Der Baum der Erkenntnis. Die biologischen Grundlagen des menschlichen Erkennens, Bern (Scherz) 1987.

Jean-François Lyotard: Das postmoderne Wissen. Ein Bericht, Graz (Böhlau) 1986.

Jean-Francois Lyotard: Der Widerstreit, München (Fink) 1987.

Jean-Francois Lyotard: Das Inhumane. Plaudereien über die Zeit, Wien (Passagen) 1989


10 Und im Traktat in Anspruch genommen wurden. Die Position des Traktat ist semifundamentalistisch: einerseits wird die Beliebigkeit der für den propositionalen Gehalt des Satzes verantwortlichen #Gegenständex eingeräumt; welche Gegenstände es gebe, sei Sache der Anwendung (T-5.557 u.ö.) – mithin ist hier ein radikal-konstruktivistischer Standpunkt bezogen. Andererseits wird gerade bzgl. der Anwendung eine stillschweigende Definition (und damit eine Fundierung) getroffen: es gibt nur Anwendung im Rahmen des behauptenden Sprachspiels (vgl. T-6ff. u.ö.). Zur Auflösung dieses Fundamentes vgl. PU $ 23.
11 „Einerseits ist klar, daß jeder Satz unsrer Sprache 'in Ordnung ist, wie er ist'“. (PU $ 98)
12 Dies ist die Achillesferse der meisten Philosophen: mancher beansprucht, das Sprachhandlungsideal in (s)einem Sprachhandlungsspiel dingfest machen zu können und fallt in Universalismus, Dogmatismus, Totalitarismus – am deutlichsten und ehrlichsten war hier Hegel mit seinem absoluten Geist. Zum ausdrücklichen Tabu deklariert wurde Fundamentalismus und Universalismus in der Philosophie der Postmoderne durch Jean-Francois Lyotard. Die Heterogenität (Differenz) der Sprachspiele kann weder durch ein Sprachspiel noch durch ein Metasprachspiel (vgl. Traktat) behoben werden. Diesem extremen Skeptizismus lassen sich jedoch Stellen bei Lyotard gegenüberstellen, wo auf ein Sprachhandlungsideal angespielt wird: „Es gibt keine 'Sprache‘ [langage] im allgemeinen, es sei denn als Gegenstand einer Idee.“ (Lyotard 1987, S. 10) – bzw. wo das Sprachhandlungsideal in metaphorischer Redeweise geradezu beschworen wird: so in Lyotard (1989), wo zwei Begriffe des (In)Humanen differenziert werden: das Humane des Systems der Erziehung, die inhuman ist, „weil sie nicht ohne Zwang und Terror vor sich geht“ (S. 17); und das Humane der Unbestimmtheit, der noch nicht "eingesetzten", (Systemfixierten) Vernunft des Kindes, die inhuman sein kann, weil sie für das System bedrohlich ist. Trotzdem ist dem Humanen im Kind der Vorzug zu geben, weil es offen ist und die Möglichkeit des Humanen (das Sprachhandlungsideal) zeigt: „Sprachlos, unfähig, sich gerade zu halten, zögernd hinsichtlich der Gegenstände seines Interesses, nicht in der Lage, seinen Gewinn zu berechnen, unsensibel für die allgemeine Vernunft ist das Kind im höchsten Maße Mensch, weil seine Not das Mögliche ankündigt und verspricht.“ (S. 15) 13
13 Dies macht m.E. Lyotards Prinzip des „Widerstreits“ als Ausgangspunkt der Philosophie alltagskommunikativ plausibel
14 Dem entspricht – in sublim-systematischer Façon – das Verfahren der Transzendentalphilosophie: ausgehend vom Nachweis, daß Erkenntnis unter bestimmten Bedingungen unmöglich ist, wird auf die Bedingungen geschlossen, unter denen Erkenntnis möglich ist.
15 So bemerkt Wittgenstein über Frazer: „Frazers Darstellung der magischen und religiösen Anschauungen der Menschen ist unbefriedigend: sie läßt diese Anschauungen als Irrtümer erscheinen.“ (Wittgenstein 1975, S. 38) Als Irrtümer, weil diese Anschauungen aus der Perspektive systemfremder Möglichkeiten von Sinn (namentlich wissenschaftlich-objektivistischer) erklärt werden: „Ein Irrtum entsteht erst, wenn die Magie wissenschaftlich ausgelegt wird.“ (Ebd. S 41) Und: „Frazer ist viel mehr savage, als die meisten seiner savages… Seine Erklärungen der primitiven Gebräuche sind viel roher, als der Sinn dieser Gebräuche selbst.“ (Ebd. S. 45)
16 Die Unsicherheit, aus radikal-konstruktivistischer Sicht eine Ethik zu konstruieren, wird deutlich in Schmidt (1987, bspw. 415ff., 429ff.), z.B. als Rekurs auf Intuition („Man muß fühlen, was gut ist.“ Ebd. S. 430); ähnlich was den Wert von Theorien betrifft, wo zwischen Kriterien wie Funktionalität und Ökonomie hin und her gewechselt wird (ebd, S. 429) ⁃ also ungefähr das, was nach Lyotard das kritikwürdige Legitimationsmodell der „Performativität“ ausmacht (Lyotard 1986, S. 135ff.). Sicher entläßt uns der Radikale Konstruktivismus die Freiheit, „für unsere Handlungen und Kognitionen die Verantwortung“ (Schmidt 1987, S. 38) zu übernehmen: doch nach welchen Prinzipien? „Nutzenorientierter Ideenwettbewerb“ (ebd.), „unmittelbare Qualität unseres Lebens und Zusammenlebens" (ebd.)? Damit hat der Radikale Konstruktivismus offensichtlich den Problemhorizont der Philosophischen Untersuchungen nicht wesentlich überschritten. Auch Wittgenstein selbst macht bzgl. Vergleich, Vermittlung und Wertung von Lebensformen nur Andeutungen: z.B. die Familienähnlichkeiten zwischen Sprachspielen, die Evidenz im Rahmen gemeinsamer menschlicher Erfahrungen (Geburt, Sexualität, Tod) und das psychisch-intuitive Verstehen fremder Lebensformen (vgl. Wittgenstein 1974).Daß dieser Problemhorizont nicht leicht zu überschreiten ist, zeigt sich auch in den einschlägigen postmodernen Beiträgen, die grundsätzlich nicht über das Bekenntnis zu positivem (z.B. „transversalen“) Umgang mit Polymorphie und Heterogenität hinausgelangen - vielleicht weil die Postmoderne primär als sprachphilosophischer Diskurs stattfindet, zu dem ein ethischer (politischer) im Widerstreit stünde.
17 Dazu ein suggestives Zitat von Maturana: „Die Erkenntnis der Erkenntnis verpflichtet. Sie verpflichtet uns Zu einer Handlung ständiger Wachsamkeit gegenüber der Versuchung der Gewißheit. Sie verpflichtet uns dazu einzusehen, daß unsere Gewißheiten keine Beweise der Wahrheit sind, daß die Welt, die jedermann sieht, nicht die Welt ist, sondern eine Welt, die wir mit anderen hervorbringen. Sie verpflichtet uns dazu zu sehen, daß die Welt sich nur ändern kann, wenn wir anders leben.“ (Maturana 1987, S. 263f.)