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S. 91

Hier findet die politische Argumentation Lyotards Anschluß an sprachanalytische Überlegungen. Denn diese "Verwirrung der Vernunft ",,,die sich auf keine vernĂŒnftige Entschuldigung berufen"14 kann, beruht auf dem höchst "modernen" Projekt einer universellen Sprache, das heißt einer Metasprache, die in der Lage wĂ€re, ohne Rest all die Bedeutungen in sich aufzunehmen, die in den besonderen Sprachen niedergelegt sind. Der Zweifel an der "Vernunft" hat seinen Ursprung nicht in den Wissenschaften, sondern in der Kritik der Metasprache, das heißt im Niedergang der Metaphysik (und somit auch der Meta-Politik).15 In diesem Zusammenhang greift Lyotard auf jene Tradition in der philosophischen Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts zurĂŒck, in der er bereits Vorarbeiten zu einer Philosophie der Postmoderne erkennen kann, insbesondere Kant und Wittgenstein16 : einmal in die Richtung einer Kritik an universalistischen Voraussetzungen der Metaphysik und Sprachphilosophie, zum anderen durch die Trennung verschiedener Vernunftvermögen bei Kant beziehungsweise verschiedener Sprachspiele und Lebensformen bei Wittgenstein. Als exemplarisch fĂŒr den argumentativen Entwicklungsgang vom modernen Projekt einer Universalsprache zum postmodernen Bewußtsein der HeterogenitĂ€t der Sprachspiele kann das Lebenswerk Ludwig Wittgensteins betrachtet werden.17

Wenn die philosophische Postmoderne den Einsatz der Ideale in der Moderne kritisiert, so drĂŒckt sich dies - sprachphilosophisch gesehen - aus in der These: ,,Es gibt keine,Sprache' [langage] im allgemeinen, es sei denn als Gegenstand einer Idee."18 Das Ideal einer universellen Metasprache kann nicht real gegeben sein, weil die Realisierung einer solchen Metasprache an ihrem universellen und selbstbezĂŒglichen Charakter scheitern muß. Die Legitimation eines Sprachspiels reicht nur bis zu seiner Grenze, es legitimiert sich innerhalb seiner Grenzen selbst: ein allgemeingĂŒltiges Sprachspiel mĂŒĂŸte sich gleichzeitig innerhalb und außerhalb dieser Grenzen bewegen, die Vorstellung einer höchsten Diskursart scheitert an der Russell-Aporie.19 Zu bemerken ist, daß sich Lyotard die Version Kants, wonach Ideen (Ideale) nicht "gegeben", sondern "aufgegeben" sind, offen hĂ€lt. Diese ,,Idee einer allgemeinen Sprache" wird fĂŒr ihn (wenn ĂŒberhaupt) verstehbar im "Widerstreit", in der HeterogenitĂ€t zwischen Sprachspielen, worin sozusagen der kleinste gemeinsame Nenner aller Sprachspiele gesehen werden kann: eine Eigenschaft, die einerseits jede allgemeingĂŒltige inhaltliche Gemeinsamkeit ausschließt, andererseits selbst eine formale Gemeinsamkeit anvisiert. „Der Widerstreit ist der instabile Zustand und der Moment der Sprache, in dem etwas, das in SĂ€tze gebracht werden können muß, noch darauf wartet. Dieser Zustand enthĂ€lt das Schweigen als einen negativen Satz, aber er appelliert auch an prinzipiell mögliche SĂ€tze."20 „Im Widerstreit ,verlangt' etwas nach Setzung und leidet unter dem Unrecht, nicht sofort .gesetzt' werden zu können."21 Der Widerstreit ist eine Grundsituation menschlicher Kommunikation. Das einzige, ,,was unzweifelhaft ist"22, ist der Satz in seiner Realisierung. Der Satz ist ein punktuelles Ereignis in einer spezifischen, nie mehr genauso wiederholbaren pragmatischen Situation: ein Satz ist die Aktualisierung einer der Möglichkeiten jenes Regelsystems, in dessen Horizont er sich bewegt. Jeder Satz schlĂ€gt somit nicht nur den anderen Möglichkeiten, die sein Regelsystem mitfĂŒhrt, die Chance auf Realisierung ab, sondern gleichzeitig auch den Möglichkeiten von SĂ€tzen in anderen Regelsystemen: alle diese SĂ€tze bleiben schweigend im Hintergrund. WĂ€hrend zwischen den Möglichkeiten ein und desselben Regelsystems ein argumentativer Rechtsstreit um Realisierung (Verifikation) begonnen werden kann, herrscht zwischen den Möglichkeiten verschiedener Regelsysteme der Widerstreit. Anders ausgedrĂŒckt: ein Regelsystem (oder Sprachspiel) begrenzt den Horizont - den ,,logischen Raum" hĂ€tte der Wittgenstein des Traktat gesagt -, innerhalb dessen ein Satz Sinn hat; in diesem Horizont kann er mit SĂ€tzen desselben Regelsystems in sinnvoller Argumentation (also in einem Rechtsstreit) konkurrieren. Mit einem Satz eines anderen Regelsystems hat dieser Satz (im Extremfall) jedoch nichts gemeinsam: beide Regelsysteme sind inkommensurabel, das eine kann nicht Maß des anderen sein, und es gibt kein drittes Meta-Regelsystem. Zwischen SĂ€tzen verschiedener Regelsysteme gibt es (im Extremfall) keine sinnvolle Argumentation, keinen Übergang. Ein solcher Extremfall ist insbesondere die Differenz zwischen dem philosophischen Regelsystem, in dem ĂŒber Ideale gesprochen werden kann, und dem Regelsystem deskriptiver SĂ€tze: jeder Versuch eines Übergangs ist abzulehnen: "Es gibt keine beliebig wiederholbaren und nach einem einmĂŒtig gebilligten Protokoll definierten Verfahren, um die Wirklichkeit eines ideellen Gegenstands im Allgemeinen zu ermitteln."23


14 Ebenda, 90. ↩
15 Ebenda, 89-90. ↩
16 Vgl. Jean-François LYOTARD, Der Widerstreit, 1 „. ↩
17 Vgl. Klaus NIEDERMAIR, Sprachspiel, Sprachsystem, Sprachideal, in: Theo HUG (Hg.), Die soziale Wirklichkeit der Theorie, MĂŒnchen 1990, „36- „49. ↩
18 Jean-François LYOTARD, Der Widerstreit, 10. ↩
19 Vgl. ebenda, „30. ↩
20 Ebenda, 33. ↩
21 Ebenda. ↩
22 Ebenda, 9. ↩
23 Ebenda, 19- „0. ↩