Ludwig Wittgenstein
S. 45

Zu diesem Zeitpunkt spielte Wittgenstein offensichtlich mit dem Gedanken, dass der „ganz allgemeine Satz" dem logischen Satz nähersteht als dem sinnvollen Satz (der Namen enthält), bzw. dass es einen Generalisierungsprozess gibt vom sinnvollen Satz zum völlig verallgemeinerten Satz, der „ganz entmaterialisiert" (TB 23.10.14) ist, der nur noch logische Eigenschaften darstellt (vgl. TB 14.10.14). Dagegen ergaben sich gleichzeitig schon einige Bedenken: (1) „Erinnern wir uns daran, dass die Variable und nicht die Allgemeinheitsbezeichnung die Logik charakterisiert" (TB 13.10.14) - logische Sätze bestehen wesentlich aus Variablen, sie sind formal-allgemein (formalisiert), während allgemeine Sätze eine Allgemeinheitsbezeichnung (einen Quantor) enthalten, durch die ein Bereich von Gegenständen begrenzt wird, über den eine materielle Eigenschaft ausgesagt wird, also materiell-allgemein (generalisiert) sind. (2) Der allgemeine Satz „(Ex) Fx" und der singuläre Satz „Fa" verhalten sich nicht wie Variable und Wert der Variable, die Möglichkeit des Satzes „Fa" ist nicht an die Tatsache „(Ex) Fx" gebunden (vgl. TB 21.10.14, 1.11.14)-"(x)Fx" ist nicht die Form des Satzes „Fa ∧ Fb ∧ Fc etc." (vgl. TB 1.11.14). (3) Es gibt keine Aussagen über den logischen (seil, formal-allgemeinen) Aufbau der Welt, da dieser den Aussagen über die Welt vorausgesetzt ist (vgl. TB 18.10.14). (4) „Die Beschreibung der Welt durch Sätze ist nur dadurch möglich, dass das Bezeichnete nicht sein eigenes Zeichen ist!" (TB 19.10.14)87 - d.h.: logische Sätze im Sinne von völlig verallgemeinerten (formalisierten) Sätzen kommen aus der Sprache nicht hinaus, sie beziehen sich nur auf die Sprache (auf sich selbst), freilich nur in der neutralisiert-zirkulären Form des inhaltslosen Zeigen, sonst wären sie nicht nur sinnlos, sondern auch unsinnig: sie sind keine „Schablonen", die inhaltliche Bestimmungen über einen Gegenstandsbereich treffen. - Aus alledem folgt, dass der allgemeine Satz dem singulären Satz nähersteht als dem logischen (formal-allgemeinen) Satz, denn „durch die Verallgemeinerung [wird er] wohl überhaupt nicht entmaterialisiert" (TB 23.10.14): „Ob ich von einem bestimmten Ding oder von allen Dingen, die es gibt, etwas aussage, die Aussage ist gleich materiell." (ebd.)


87 Vgl. dazu Anm. 14, wo in dieser TB-Notiz die positiv gewendete Fassung des Selbstbezüglichkeitsverbotes gesehen wird, und zwar als conditio sine qua non des sinnvollen Satzes, der (trivialerweise!) sich auf etwas anderes und nicht auf sich selbst beziehen können muss.