Ludwig Wittgenstein
S. 55

Die Anwendung der Bildtheorie auf den Satz in TLP-4.01 bis TLP-4.0641 lässt sich rekonstruieren als Reihe von Argumenten für die Metapher „Satz" =„Bild", insofern der Satz als fundamentale Sinneinheit ganz anders funktioniert als die Zeichen. Dass der Satz ein „Bild der Wirklichkeit" (TLP-4.01) ist, sehen wir daraus, (TLP-4.02:) „dass wir den Sinn des Satzzeichens verstehen, ohne dass er uns erklärt wurde." Denn (TLP-4.022:) „Der Satz zeigt seinen Sinn." Im Unterschied dazu (TLP-4.026:) „Die Bedeutung der einfachen Zeichen (der Wörter) müssen uns erklärt werden, dass wir sie verstehen. Mit den Sätzen aber verständigen wir uns." Weiters (TLP-4.03:) „Ein Satz muss mit alten Ausdrücken einen neuen Sinn mitteilen" - d.h.: mit einer gegebenen Menge von Ausdrücken ist eine Reihe von Sätzen generierbar, deren Sinn noch nicht verfügbar war. Schließlich (TLP-4.024:) „Einen Satz verstehen, heißt, wissen was der Fall ist, wenn er wahr ist. (Man kann ihn also verstehen, ohne zu wissen, ob er wahr ist.) Man versteht ihn, wenn man seine Bestandteile versteht."

Hier liegt scheinbar eine Schwierigkeit: gemäß TLP-4.026 müssen einerseits die Bedeutungen der einfachen Zeichen erklärt werden, was gemäß TLP-3.263 durch sog. „Erläuterungen" geschieht, die Sätze sind, „welche die Urzeichen enthalten" (ebd.), und deshalb, weil gemäß TLP-3.3 ein Name „nur im Zusammenhang des Satzes" Bedeutung hat, - andererseits versteht man gemäß TLP-4.024 den Sinn des Satzes, „wenn man seine Bestandteile versteht." Dies scheint auf einen Zirkel zwischen Verstehen des Satzsinnes und Verstehen der Bedeutung seiner Bestandteile hinauszulaufen. Doch handelt es sich nicht um einen in sich abgeschlossenen Zirkel, da ein pragmatisches Moment mit im Spiel ist, insofern die Bedeutungen der Zeichen willkürlich bestimmt werden (vgl. TLP-3.322 u.ö.): die Erläuterungen der Bedeutung dient nur der Sicherung ihrer intersubjektiven Verfügbarkeit, d.h. ein Zeichen wird so lange erklärt (in verschiedenen Sätzen angewandt), bis seine Bedeutung allgemein verfügbar ist, bis eine Formalisierung gelungen ist, bis bspw. die Bedeutung eines Namens als dieser bestimmbarer Referenzpunkt (als formaler Begriff) verfügbar ist (dazu genauer in Kap. 1.21). Die Bedeutung der Ausdrücke ist durchaus primär, nur ist sie wesentlich durch ihre Verwendungsweise im Satz gegeben, weshalb man Bedeutung immer nur durch Anwendung im Satz lehren und lernen kann.