Ludwig Wittgenstein
S. 16

Anders im Falle des formalen Selbstbezugs (2A), bspw. in „Die Eigenschaft dreisilbig definiert eine Klasse" oder einfacher: „Dreisilbig ist eine Klasse", wo es um eine wesentliche Eigenschaft von dreisilbig geht, denn auch trisyllabic ist eine Klasse (bzw. definiert eine solche). Im Selbstbezug (2A) liegt eine im System des TLP unerlaubte „Verwechslung der formalen Begriffe mit den eigentlichen Begriffen" (TLP-4.126) vor, die dann zustande kommt, wenn ein formaler Begriff (z.B. Klasse) syntaktisch genauso gebraucht wird wie ein eigentlicher Begriff (z.B. dreisilbig). Ein Grund für das Verbot der Verwechslung formaler und eigentlicher Begriffe scheint darin zu liegen, dass in der Form des indirekten Selbstbezugs (2A) tendenziell bereits jene des direkten (2B) enthalten ist: denn wenn in „Dreisilbig ist eine Klasse" der formale Begriff Klasse syntaktisch wie eine Klasse auftritt, so kann ein Satz der Form (2B) gebildet werden: „Klasse ist eine Klasse". Und dieser Selbstbezug ist zu verbieten, weil es von da nicht mehr weit ist bis zur Klassenantinomie. Russell war in seiner Typentheorie davon ausgegangen, dass allen Antinomien ein circulus vitiosus zugrundeliegt13 der Selbstbezug bspw. der Klassenantinomie besteht darin, dass eine Klasse „w" aller jener Klassen definiert wird, die sich nicht selbst enthalten, sodass auf die Frage, ob sich w dann selbst enthält, die Antinomie resultiert, dass w sich nur dann selbst enthält, wenn sich w selbst nicht enthält.14 Um diesen Selbstbezug zu vermeiden, formulierte Russell ein circulus-vitiosus Prinzip: „These fallacies [d.h. die Antinomien als 'reflexive fallacies'], as we saw, are to be avoided by what may be called the 'vicious-circle principle', i.e., 'no totality can contain members defined in terms of itself ."15

Im Folgenden ist mit „Selbstbezug" immer nur der formale Selbstbezug gemeint und zwar sowohl der indirekte (2A) als auch der direkte (2B). Prinzip (b) verbietet also einerseits den indirekten formalen Selbstbezug (2A), im TLP geschieht das durch das Verbot, formale Begriffe mit eigentlichen zu verwechseln: „Dass etwas unter einen formalen Begriff als dessen Gegenstand fällt, kann nicht durch einen Satz ausgedrückt werden" (TLP-4.126) - und andererseits den direkten formalen Selbstbezug (2B), im TLP geschieht das durch das aus der Typentheorie entlehnte und variierte circulus-vitiosus Prinzip: „Kein Satz kann etwas über sich selbst aussagen, weil das Satzzeichen nicht in sich selbst enthalten sein kann, (das ist die ganze 'Theory of types')." (TLP-3.332)


13 Vgl. Russell (1956b), S. 61; (3), S. 61
14 Vgl. Russell (1956b), ). S. 59, 63; (1956a), S. 60, 63
15 Russell (1956b), S. 75; vgl. (2), S. 63; vgl. (3), S. 37