Schließlich wäre unter dieser Voraussetzung eine apriorische Sinntheorie unmöglich, sie würde ersetzt durch eine empirische Wissenschaft, welche Eigenschaften von Zeichen formuliert nach Maßgabe eines statistisch erfassbaren Zusammenhanges zwischen Zeichenmitteln und bestimmten Reaktionen. Das wäre aber alles nicht mehr Philosophie. Das zeigt, dass eine Auffassung der Sprache als Mittel am Sprachkonzept des TLP vorbeizielt. Das grundlegende Prinzip dieses Sprachkonzeptes, die Autarkie der Sprache, ist nur dann adäquat rekonstruierbar, wenn man die Auffassung (2) zugrunde legt, wonach Sprache ihren Zweck in sich selbst hat, also zweckproduktiv ist im Rahmen einer Lebenswelt und nicht nur zweckexekutiv.68
Wo kann eine sprachpragmatische Interpretation im TLP Belege finden? Erstens im Zusammenhang mit der Unterscheidung von Zeichen und Symbol: das empirische („sinnlich wahrnehmbare" - vgl. TLP-3.1 f.) Material der Sprache, die Satzzeichen bzw. die Zeichen überhaupt, sind demnach Mittel zum Ausdruck von Sätzen bzw. Symbolen und diese sind Zwecke (aber selbst keine Mittel); die Zeichen werden willkürlich bestimmt, ihre Bedeutung ist autark, insofern sich diese im Gebrauch konstituiert (vgl. TLP-3.328) und nur im Gebrauch „erklären" lässt - „erklären" (oder „erläutern") im spezifischen Sinne Wittgensteins als „durch Anwendung zeigen" (vgl. TLP-3.26f.); weiters: die Beziehung von Zeichen und Bezeichnetem beruht auf einer Zuordnungshandlung, auf der Anwendung des Zeichens, mit der gleichzeitig die dem Zeichen angemessene logisch-syntaktische Form ins Spiel kommt (vgl. TLP-3.327), sodass sich sogar der „Gegenstand", der TLP-gemäß auch seine logische Form (aller seiner Konfigurationen in Sachverhalten) enthält (vgl. TLP-2.012ff.), interpretieren lässt nicht wie üblich als ontologisches, sprachunabhängig gegebenes Fixum, sondern als Konzept, als Zweck im Rahmen der Weltbeschreibung, der die sinnvolle Beschreibung der Wirklichkeit ermöglicht. Zusammenfassend: pragmatisch zu interpretieren ist der TLP insofern, als der Satz, das Symbol, d.i. das für Sprache Wesentliche, sich konstituiert im Bildermachen (vgl. TLP-2.1), im Gedanken (vgl. 3ff., TLP-3.5), in der Projektion (vgl. TLP-3.1ff.), in der Artikulation (vgl. TLP-3.141, TLP-3.251), in der Anwendung (vgl. TLP-3.263, TLP-3.5 u.ö.), im sinnvollen Gebrauch (vgl. TLP-3.326ff.), kurz: in der Sprachhandlung.