Ludwig Wittgenstein
S. 167

Insofern könnte die Analyse dieser Sätze dadurch motiviert sein, diese widerspenstigen Sätze ad hoc dieser an sich ja sehr starken These zu unterwerfen: diese Annahme führt aber zu einer Geringschätzung dieser Analyse.251 Wäre sie nämlich so motiviert, dann müsste das Resultat dieser Analyse eine Satzform sein, die eindeutig der These TLP-5.54 gehorcht; dann müssten die V-Sätze, die keine wahrheitsoperativen Zusammensetzungen sind, nunmher eindeutig in solche transformierbar sein. Die Frage ist aber, ob das Resultat der Analyse, „>p< sagt p", überhaupt ein sinnvolles Satzschema ist. Nimmt man an, es sei kein sinnvolles Satzschema, so wäre die These TLP-5.54 nur dadurch gesichert, dass die f-Sätze kurzerhand als unsinnige diskriminiert werden: vergleicht man aber die tatsächliche Bedeutung dieser Sätze in der natürlichen Sprache mit ihrer, insofern billigen Diskrimination, so müsste diese als ad hoc erscheinen: darin bestünde die Geringschätzung dieser Analyse. Nimmt man andererseits an, dass „>p< sagt p" die Form eines sinnvollen Satzes sei, so muss dafür erst der Nachweis erbracht werden (und zwar angesichts einer Übermacht an Gegenargumenten), und zum anderen schränkt man genauso die Bedeutung dieser Analyse nur auf die These TLP-5.54 ein, übersieht aber den anderen Anhaltspunkt im Textzusammenhang.

Im Abschlusspunkt dieser Passage stellt sich nämlich heraus, dass diese Analyse auch einen bestimmten Subjektbegriff inoieTt: „Dies zeigt auch, dass die Seele - das Subjekt etc. - wie sie in der heutigen oberflächlichen Psychologie aufgefasst wird, ein Unding ist. Eine zusammengesetzte Seele wäre nämlich keine Seele mehr." (TLP-5.5421) Diese Analyse orientiert sich in der Tat am Probierstein mehrerer Subjektbegriffe: ein Subjekt als Gegenstand ist unmöglich, wenn schon kann das Subjekt nur als Tatsache auftreten; als Tatsache ist es aber für die Sinntheorie irrelevant; auch das Subjekt der Psychologie bekommt so einen paradoxen Anstrich: es kann einerseits nur Tatsache und insofern zusammengesetzt sein, andererseits verliert es dadurch den Status der Einfachheit, es wird „gespalten".

Jetzt zur Frage (b) nach den wesentlichen Unterschieden zwischen der scheinbaren und der wirklichen logischen Form der ψ-Sätze: Wie unterscheidet sich „A sagt (glaubt, denkt, etc.), dass p" von „>p< sagt p"? Ein erstes Unterscheidungsmoment besteht darin, dass die Ausdrücke „glauben", „denken", „sagen" auf „sagen" reduziert werden. Diese Reduktion jener pragmatischen Operatoren auf den Wahrheitsoperator „sagen" („behaupten") steht im Zusammenhang mit dem Monopol der Wahrheitsoperation (These TLP- TLP-5.54). Es zeigt sich aber, dass die Problematik der ψ-Sätze unabhängig ist davon, ob man dieser Monopolthese zustimmt oder nicht. Würde man sie akzeptieren, warum kann dann „A behauptet, dass p" trotzdem nicht ein sinnvoller Satz sein? Warum muss auch dieser Satz auf die Form „>p< sagt p" gebracht werden? Wenn man diese Monopolthese andererseits nicht akzeptiert, wenn man „glauben", „denken" als mit „behaupten" gleichwertige und selbständige Operatoren ansieht (sie also nicht - entgegen dem TLP - nur als psychologisch, sondern auch als sinntheoretisch relevant voraussetzt), so ist die Problematik immer noch die alte: „Warum ist „A behauptet oder glaubt, denkt, etc., dass p" kein sinnvoller Satz? - oder: Warum kann nicht sinnvoll behauptet werden, dass A den Satz „p" behauptet oder: glaubt, denkt, etc.? Mithin kann die Frage, ob die Operatoren „glauben", „denken" etc. der Wahrheitsoperation unterzuordnen sind, als sekundär abgegrenzt werden. Primär ist eine andere Frage: Warum ist der Satz „A behauptet, dass p" nicht sinnvoll? M.a.W.: Warum kann nicht sinnvoll behauptet werden, dass jemand etwas behauptet?


251 Diese Annahme vertreten z.B. Copi (1966), S. 163; Pitcher (1967), S. 84f., 178; Apel (1976b), S. 31 ff