„(Suppositio)...dicitur materialis, quando ipsa dictio supponit vel pro ipsa voce absoluta vel pro ipsa dictione composita ex voce et significatione, ut si dicamus: homo est dissilabum, homo es nomen."
Ohne näher auf die scholastische Terminologie einzugehen, möchte ich die in diesem Zitat exemplifizierten Fälle verschiedener materieller Suppositionsarten gleich in Zusammenhang mit der TIP-Terminologie bringen. Es ist unterschieden worden zwischen zufälligen und formalen Eigenschaften der Sprache: über die ersten kann gesprochen werden, über die zweiten nicht. Zum Zitat: sowohl in (1) „Homo est dissilabum" als auch in (2) „Homo est nomen" haben wir eine suppositio materialis: in (1) drückt „dissilabum" aber eine zufällige Eigenschaft aus, während in (2) „nomen" wohl als wesentliche Eigenschaft anzusehen ist. Diese Differenzierung ist in diesem Zitat vorgenommen. Die Konsequenzen daraus zieht allerdings erst Wittgenstein, weshalb er seine Einführung der Unterscheidung zwischen eigentlichen und formalen Begriffen (bzw. Relationen) kommentieren kann als Strategie,
TLP-4.122 ... um den Grund der, bei den Philosophen sehr verbreiteten Verwechslung zwischen den internen Relationen und den eigentlichen (externen) Relationen zu zeigen.
TLP-4.126 ... um den Grund der Verwechslung der formalen Begriffen mit den eigentlichen Begriffen, welcher die ganze alte Logik durchzieht, klar zu machen.
In der Tat ist eine Differenzierung innerhalb der materialen Suppositionsarten viel wichtiger im Zusammenhang mit der Problematik des Sprechens über Sprache. Eine suppositio materialis der Art (1) birgt keine besonderen Schwierigkeiten, wenn man absieht von jenen Rätseln, vor die uns nicht in Anführungszeichen gesetzte, materiell supponierte Ausdrücke stellen, wie bspw.: „Alles beginnt mit einem a und endet mit einem e".
Die entscheidende Frage dabei ist: Welche Eigenschaft wird von einem in suppositio materialis stehenden Ausdruck ausgesagt, eine zufällige oder eine wesentliche? Es ist klar, dass beide Arten dieser Eigenschaften irgendwie den Bau der Sprache betreffen müssen: steht ein Ausdruck in suppositio materialis, dann muss von ihm eine sprachliche Eigenschaft ausgesagt werden, entweder eine eigentliche Eigenschaft, die seinen Status als Zeichen betrifft, oder eine formale Eigenschaft, die das Wesentliche seines Symbols betrifft.
# Analyse
Der Autor/die Autorin verknüpft die scholastische Unterscheidung der suppositio materialis (Wörter stehen für sich selbst als Laut/Zeichen, nicht für ihre Bedeutung) mit Wittgensteins Tractatus-Unterscheidung zwischen eigentlichen (externen) und formalen Begriffen bzw. Relationen (TLP 4.122, 4.126).
Die zentrale These: Bereits die scholastische Logik unterschied implizit zwischen zwei Arten materieller Supposition – am Beispiel "homo est dissilabum" (zufällige, akzidentelle Eigenschaft: die Silbenzahl) versus "homo est nomen" (wesentliche, kategoriale Eigenschaft: der grammatische Status als Nomen). Der Autor betont jedoch, dass die Konsequenzen dieser Unterscheidung erst Wittgenstein zieht: Er identifiziert die philosophisch folgenreiche Verwechslung zwischen zufälligen (eigentlichen/externen) und wesentlichen (formalen) Eigenschaften der Sprache als Quelle traditioneller logisch-philosophischer Verwirrung.
Die Pointe liegt darin, dass jeder in suppositio materialis stehende Ausdruck notwendig eine sprachliche Eigenschaft aussagt – entweder eine, die den Zeichencharakter (kontingent) betrifft, oder eine, die das Symbol (wesentlich, strukturell) betrifft. Damit wird die scholastische Terminologie als historischer Vorläufer der Wittgensteinschen Unterscheidung zwischen Sagen und Zeigen positioniert, wobei Wittgenstein die systematische philosophische Tragweite dieser Differenzierung erstmals explizit macht.
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